Hochintelligentes Wohnen in Aspern

Die Seestadt Aspern wird in Kürze um ein Forschungsprojekt reicher sein. Die intelligente Nutzung erneuerbarer Energien steht dabei im Mittelpunkt, wobei auch ein neuartiger Erdspeicher und eine smarte Applikation zum Einsatz kommen. Noch wird jedoch eifrig gebaut. Die Arbeiten am Projekt sind in vollem Gange, damit schon bald die ersten Bewohner, die zugleich auch Teilnehmer an den Forschungen sind, einziehen können. Dafür stehen ihnen Häuser modernster Bauart zur Verfügung. Die Übergabe der Schlüssel soll noch dieser Tage erfolgen.

Bewohner testen intelligente Gebäudetechnik

Vorangetrieben wird das Projekt durch die Aspern Smart City Research GmbH & Co. KG (ASCR). Insgesamt befinden sich derzeit 213 Mietwohnungen kurz vor der Fertigstellung. Diese sind in einem modernen Haus mit Holzfassade untergebracht. Bis zur nächsten U-Bahn-Station sind es nur 15 Minuten und die Volksschule liegt gleich in der Nähe. Diese Schule ist übrigens ebenfalls ein Teil des Projektes. Hinzu kommen noch ein Kindergarten und ein Studentenwohnheim. Was ist nun das Besondere an den drei Gebäuden? Da wäre zuvorderst die große Bandbreite an Techniken zur Nutzung erneuerbarer Energien zu erwähnen. Sämtliche Gebäude sind mit Photovoltaik-, Solarthermie- und Hybrid-Anlagen ausgestattet. Darüber hinaus kommen Grundwasser- und Solewärmepumpen zum Einsatz. Gesteuert wird die Wärmeversorgung über eine intelligente Heizzentrale. Ganz unten, noch unter der Tiefgarage, befindet sich zusätzlich ein Erdspeicher.

Hochmoderner Erdspeicher sorgt für Wärme und Abkühlung

Erdspeicher sind derzeit noch echte Raritäten, denn es gibt bislang nur wenige Projekte, die von dieser neuen Technik Gebrauch machen. Der Speicher nimmt die Funktion einer Batterie ein, die, je nach Saison, aus- oder entladen wird. Im Wesentlichen erfüllt der Erdspeicher zwei Aufgaben: Zum einen dient er der Aufbereitung von Warmwasser für die Fußbodenheizungen, zum anderen lässt er sich zur Kühlung der einzelnen Solarmodule einsetzen, wobei er einen zirkulierenden Kreislauf bildet. Laut Bernd Richter, ASCR-Bereichsleiter für Infrastruktur, seien zu diesem Zweck 82 Erdsonden unter dem EBG-Holzhaus verbaut worden.

Erdspeicher schafft Kühlung im Sommer und Wärme im Winter

Die in den Sommermonaten in den Solarthermie- und Hybridanlagen erzeugte Energie wird in den Erdspeicher weitergeleitet. Dadurch wird zugleich das Erdreich erwärmt und die Photovoltaikmodule der Hybridanlage auf dem Dach gekühlt. Die so im Erdreich gespeicherte Wärme lässt sich dann in den Übergangszeiten und im Winter erneut zum Heizen nutzen. Dafür kommt eine Sole-Wasser-Wärmepumpe zum Einsatz, mit deren Hilfe die Energie wieder dem System zugeführt wird. Laut Bernd Richter werden hier künftig zahlreiche Daten gesammelt, um herauszufinden, die effizient das System letztlich funktioniert.

Wohin wandern Gebäude- und Verbrauchsdaten?

Gleich sechs Heizzentralen befinden sich im Gebäude. Sie sind mit Wärmepumpen zur Warmwassererzeugung ausgestattet und werden vom Unternehmen Wien Energie betrieben und überwacht. In den Räumlichkeiten befinden sich zudem noch zahlreiche Sensoren, deren Aufgabe darin liegt, große Datenmengen an die zentrale Gebäudeleittechnik zu liefern, wo sie auch abgespeichert werden. Ein weiterer Empfänger dieser Daten ist der dezidierte Server des Energiemanagement-Datenbank-Systems der Firma Siemens. Hierhin werden jedoch nur die Gebäudedaten geliefert, nicht die Verbrauchsdaten der Nutzer bzw. Forschungsteilnehmer.

Für die Verbrauchsdaten gibt es nämlich andere Regelungen und strenge Anforderungen an die Datenschutzbestimmungen. Unter deren Einhaltung werden sie dann an Netzbetreiber und Wärmelieferant geschickt. Sofern vonseiten der Nutzer eine entsprechende Zustimmungserklärung unterzeichnet wurde, werden die Daten dann zu Forschungszwecken an ASCR weitergeleitet. Etwa 45 Prozent aller Mieter haben diese Erklärung bereits unterschrieben, was Bernd Richter als großen Erfolg wertet. Denn diese seien doppelt so viele wie ursprünglich erwartet.

Der Erfolg mag sich nicht zuletzt in der Gegenleistung begründen, die ASCR den Teilnehmern gewährt. Die gibt es in Form eines kostenlosen kompletten Heimregelungssystems (Home Automation System). Dafür übersenden die Haushalte regelmäßig Messdaten, zu denen beispielsweise Energieverbrauchswerte sowie Temperatur, Feuchtigkeit und CO2-Gehalt der Raumluft gehören. Außerdem werden Daten zur Verwendung der intelligenten Raumregelung per Schalter übermittelt.

Intelligentes Wohnen für neue Geschäftsmodelle

Die Luftqualität in den Wohnräumen wird kontinuierlich von CO2-Fühlern gemessen, die auch für die Steuerung der Lüftungsanlage verantwortlich sind. Mit einem Eco-Knopf ist es möglich, bestimmte, vorab definierte Steckdosen abzuschalten, die nicht die ganze Zeit über Strom beziehen müssen. Auf diese Weise lässt sich bei Fernsehgerät, Radio und Stereoanlage auch ganz einfach der Stromverbrauch im Stand-by-Modus minimieren. Für die Beleuchtung gibt es ebenfalls eine zentrale Schaltung. Alle Haushalte sind darüber hinaus mit einem intelligenten Energiezähler, dem Smart Meter, ausgestattet. Alle auf diesem Wege gesammelten Daten werden von ASCR lokal in einer Datenbank gespeichert und nicht in die Cloud übertragen.

Der Sinn der gesammelten Forschungsdaten liegt nun darin, Erkenntnisse zu sammeln, die sich zur Entwicklung neuer Geschäftsmodelle von Netzbetreibern und Energieversorgern verwenden lassen. Laut Richter entwickele man gemeinsam mit den Hausbewohnern eine App, deren Funktionen in Gesprächen mit den Nutzern erörtert werden. Auf diesem Wege wolle man bei der Forschungsgesellschaft, an der auch Siemens und Wien Energie beteiligt sind, herausfinden, was sich die Kunden wünschen.

Europaweit einzigartiges Projekt

In Planung ist derzeit eine Anwendung, die einmal dazu in der Lage sein soll, Anomalitäten festzustellen. Eine solche könnte beispielsweise entstehen, wenn einer der Nutzer gerade verreist ist. Diesem könnte zum Beispiel eine Nachricht gesendet werden, wenn dennoch einer der Lichtschalter in seiner Wohnung betätigt wird. Im Sommer nächsten Jahres soll die Applikation fertig sein. Vorher müssen jedoch die Nutzer in das Wohngebäude einziehen. Das Budget dieses in Europa bislang einzigartigen Projektes kommt auf eine Summe von 38,5 Millionen Euro, wovon allein 10 Millionen in die Infrastruktur fließen. Ausgelegt ist das Projekt auf einen Zeitraum von fünf Jahren.

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