Deutschlands modernstes Gaskraftwerk steht vor Schließung

Das Gas- und Dampfkraftwerk Irsching bei Ingolstadt ist das modernste Gaskraftwerk Deutschlands und gilt als Meisterwerk deutscher Ingenieurskunst. Betreiber E.on ist nicht zu Unrecht stolz darauf, damit den weltweit höchsten Wirkungsgrad von 60,4 Prozent zu erzielen. Das heißt im Klartext, dass kein anderes Kraftwerk auf der Welt so effizient im Umgang mit der eingesetzten Energie ist. Das Problem: Irsching soll nun abgeschaltet werden, da es unrentabel geworden ist.

Widersprüche in Sachen Energiewende

So unglaubwürdig die Schließung des Kraftwerks auch erscheinen mag, so einfach sind auch die Gründe: Die Betriebskosten sind zu hoch, die Strompreise zu niedrig. Klar, dass sich das negativ auf die Rentabilität auswirkt. In diesem Fall so negativ, dass die Betreiber E.on, Mainova aus Frankfurt, N-Ergie aus Nürnberg und HSE aus Darmstadt sich dazu entschlossen haben, es komplett vom Netz zu nehmen. Wie es aussieht, steckt die deutsche Energiepolitik voller Widersprüche.

Variable Kosten zu hoch

Gegenüber dem Magazin FOCUS erklärte Moritz Bonn, Energieexperte beim Centrum für europäische Politik (Cep), das Gaskraftwerke unter allen Kraftwerken die höchsten variablen Kosten hätten. Das sind jene Kosten, die mit der Menge des produzierten Stromes steigen. Zu den variablen Kosten zählen klassischerweise die Rohstoffkosten, in diesem Fall also die Kosten für das eingekaufte Gas. Und Gas sei laut Bonn nun einmal teuer. Im Gegensatz dazu fielen bei Wind und Sonne keinerlei variable Kosten an. Sowohl Wind als auch Sonne gebe es kostenlos.

Hinzu kommt, dass die Betreiber mit dem Verkauf ihres Stroms einfach zu wenig Geld verdienen, was zu einer kritischen Perspektive des Gaskraftwerks geführt habe. Denn die Kosten lassen wegen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen kaum noch erwirtschaften. Seit Anfang des Jahres 2013 sind die Großhandelsstrompreise um mehr als ein Viertel gefallen. Der Grund hierfür liegt in der Energiewende, denn Überkapazitäten in Kraftwerken und Ausbau von Ökostrom haben zu dem niedrigen Preisniveau geführt.

Kohle günstiger als Gas

Währenddessen produzieren veraltete Kohlekraftwerke billigeren Strom als das modernste Gaskraftwerk Deutschlands. Wie kann das sein? Ein Grund liegt darin, dass die alten Kraftwerke meist schon komplett abgeschrieben und die Kosten für den Bau damit wieder beglichen sind. Anders bei Gaskraftwerken, denn diese sind noch vergleichsweise neu und müssen die Investitionen erst einmal erwirtschaften. Hinzu kommt die einfache Tatsache, dass Kohle derzeit günstiger als Gas ist.

Auch die Belastungen durch CO2-Zertifikate für Kohlekraftwerke sind zurückgegangen. Seit Festlegung der entsprechenden Richtlinien im Kyotoprotokoll müssen Industrie und Energieerzeuger für jede ausgestoßene Tonne CO2 ein entsprechendes Zertifikat vorweisen, also eine Art Emissionserlaubnis. Bei diesen Zertifikaten herrscht jedoch derzeit ein massives Überangebot, was deren Preise nach unten drückt. Ursprünglich wurden von der EU-Kommission 30 Euro pro Tonne angestrebt. Die Realität sieht ganz anders aus, denn die Zertifikate gibt es im Moment für gerade mal 6,70 Euro.

Welcher Änderungen bedarf es nun?

Vorschläge gibt es derzeit viele, wenn auch noch keinen Königsweg. Von der Energiewirtschaft kommt schon seit Längerem die Forderung nach einem sogenannten Kapazitätsmarkt. Bei diesem würden die Energieerzeuger nicht nur für den erzeugten Strom Geld erhalten, sondern auch für das Bereithalten von Kapazitäten. Sie würden also auch dann Geld erhalten, wenn die Kraftwerke gar nicht liefen. Der Plan ist jedoch nicht sonderlich beliebt, da durch ihn Mehrkosten entstünden, die am Schluss der Verbraucher zu tragen hätte.

Vom Energieexperten Bonn kommt ein anderer Vorschlag. Nach ihm müssten die Preisobergrenzen im Stromgroßhandel abgeschafft werden. Wenn auf dem Strommarkt Knappheit herrsche, weil gerade der Wind nicht weht oder die Sonne nicht scheint, könnten Stromerzeuger ihren Strom zu weit höheren Preisen verkaufen und so die Verluste ausgleichen, die in Phasen des Überangebots entstehen.

Was bedeutet die Abschaltung von Irsching für die Energiewende?

Die beiden Blöcke von Irsching bringen es zusammen auf eine Leistung von 1.400 Megawatt und stehen nun als Symbol für Verfehlungen in der Energiewende. Ursprünglich waren moderne Gaskraftwerke wie dieses einmal als Stütze des Systems gedacht, da sie deutlich weniger CO2 ausstoßen als Kohlekraftwerke. Laut Hans-Joachim Reck, dem Hauptgeschäftsführer des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU), sei die Energiewende paradox, da ausgerechnet die saubersten und effizientesten Kraftwerke des Landes kein Geld verdienen.

Sind Stromengpässe zu befürchten?

Engpässe sind möglich, denn in Süddeutschland werden bis zum Jahr 2022 mehrere Atomkraftwerke abgeschaltet. Schon heute ist die Versorgungslage südlich des Mains zu bestimmten Zeiten kritisch. Blöcke 4 und 5 des Gaskraftwerks Irsching sollen noch bis Ende März 2016 weiterlaufen. Das geht mithilfe einer Sonderregelung, bei welcher der Betrieb durch Subventionierungen der Stromkunden ermöglicht wird. Anschließend erhalten die Eigentümer je Block pro Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag.

Es ist allerdings noch möglich, dass die Bundesnetzagentur eine Stilllegung untersagt, sollte die Versorgungssicherheit gefährdet werden. So wurde beispielsweise dem Versorger EnBW schon die Stilllegung mehrerer Kraftwerke untersagt. Das wäre übrigens nicht der einzige Fall, denn bei der Bundesnetzagentur liegen bereits 50 Anträge auf Stilllegung aus ganz Deutschland.

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