Mehr als nur Elektroautos: Energiewende braucht Verkehrswende

AR.Pics / pixelio.de

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Deutschland hat sich Klimaziele gesetzt, die es an Ehrgeiz nicht mangeln lassen. Doch um diese zu erreichen, muss der Verkehr bis zum Jahr 2050 nahezu komplett frei von CO2-Emissionen sein. Klimaschützer sind der Ansicht, dass dieses Ziel allein mit Elektroautos nicht zu erreichen ist.

Es braucht mehr als nur Elektroautos!

Batterien und Brennstoffzellen in Elektroautos mögen eine Lösung sein, aber sie sind ganz sicher nicht die einzige, wenn es darum geht, den Verkehr weitestgehend von CO2-Ausstößen zu befreien. Ein Konzept, das zeigt, wie klimafreundlicherer Verkehr möglich sein könnte, wurde am vergangenen Mittwoch von WWF, Nabu, Germanwatch, Bund und Verkehrsclub Deutschland in Berlin präsentiert. Die Politik ist darin aufgefordert, sich nicht nur allein mit CO2-armen Antriebstechnologien zu befassen, sondern auch mit der Vermeidung von Verkehr und dem Einsatz umweltfreundlicher Verkehrsträger.

Konzept Klimafreundlicher Verkehr

Damit die Regierungsziele erreicht werden können, gilt es, die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050 um 95 Prozent zu senken. Maßgeblich sind dabei die Ausstöße von 1990. Damit das funktionierten kann, müsste der Verkehr so gut wie frei von CO2 sein. Bislang ist aber dahin gehend noch keine Trendwende zu erkennen, denn gerade im Verkehrssektor wird mehr CO2 in die Luft geblasen als je zuvor, wenn Luft- und Seeverkehr noch hinzugenommen werden. Das Ziel soll zwar nach wie vor zu erreichen sein, aber dafür müsse der Energiebedarf beim Verkehr ganz erheblich sinken. Das gölte vor allem für den Pkw-Verkehr. Es dürfte allerdings schwierig werden, ausgerechnet uns Deutschen das geliebte Auto auszureden. Ganz so weit wollen dann aber auch die Verbände nicht gehen, die zusammen mit dem Öko-Institut ihr Konzept erarbeitet haben. Und dieses Institut hat ermittelt, wie hoch der Endenergiebedarf bei den Verkehrsmitteln überhaupt ausfällt. Spitzenreiter mit 1.422 Petajoule ist erwartungsgemäß der Pkw. Danach folgen mit einigem Abstand Straßengüterverkehr und Luftverkehr.

Ausgerechnet der demographische Wandel soll den Klimaschützern in die Hände spielen, denn von diesem erhofft man sich einen um 15 Prozent schrumpfenden Personenverkehr bis zum Jahr 2050. Sich ändernde gesellschaftliche Prioritäten sollen dann nach Ansicht der Autoren ihren Teil dazu beitragen, dass sich bis zu diesem Jahr die Anzahl der Fahrzeuge auf 20 Millionen halbiere. In der Studie heißt es, dass Flexibilität künftig wichtiger sei als der Besitz eines eigenen Fahrzeugs. In den Ballungszentren erwartet man mehr Pedelecs, einen gut vernetzten öffentlichen Nahverkehr und elektrisch betriebene Carsharing-Fahrzeuge. Auf der Langstrecke sollen vor allem Züge und Fernbusse zum Einsatz kommen. So könne dann auch der Anteil an Pkw am Verkehr von heute knapp 60 Prozent auf 35 Prozent im Jahr 2050 fallen.

Auch der Güterverkehr solle sich nach Ansicht der Autoren bis zum Jahr 2050 in signifikantem Maße wandeln. Man erwartet, dass noch bis zum Jahr 2030 mehr Güter transportiert würden und sich im Anschluss daran das Aufkommen bis zum Jahr 2050 wieder auf das heutige Maß reduziere. Der Grund für diese Entwicklung liegt in den Transportkosten, denn die die sollen in der Zukunft schlicht zu hoch sein, weswegen die Unternehmen wieder mehr Waren einlagern würden. Zudem gehe man davon aus, dass Lebensmittel und landwirtschaftliche Produkte vermehrt regional bezogen würden, wodurch sich die Transportweiten im Schnitt verringern sollen. Darüber hinaus soll der Güterverkehr auf Wasser und Schiene deutlich zulegen. Macht heute der Güterverkehr auf den Straßen noch annähernd drei Viertel aus, soll der Anteil bis zum Jahr 2050 bis auf 50 Prozent sinken und der Anteil der Schiene von 18 auf 38 Prozent steigen.

Mehr Grenzwerte – bessere Infrastruktur: Politik ist gefragt

Vor allem vonseiten der Verkehrspolitik erwarte man einen Kurswechsel, damit dieser Strukturwandel überhaupt funktionieren könne. Werner Reh vom BUND fordert von der Politik, mehr auf eine Verlagerung des Verkehrs abzuzielen. Ideen gibt es vonseiten der Verbände auch schon. So könne beispielsweise das Autofahren unattraktiv gemacht werden, in dem eine emissions- und entfernungsabhängige Pkw-Maut eingeführt werde.

Entscheidend sei dabei aber, wie es um die Alternativen bestellt sei. So müsse nach Ansicht der Klimaschützer Fern- und Nahverkehr besser aufeinander abgestimmt werden. Kommen Reisende am Bahnhof an, sollen diese auch ohne längere Wartezeiten den nächsten Anschlusszug oder Bus besteigen können. Reh ist der Ansicht, dass sich der Personenverkehr der Bahn über eine Optimierung des Taktes verdoppeln ließe. Ein Ausbau von S-Bahn-Netzen und Radwegen sei in Ballungszentren ebenso wichtig wie Fahrradstationen an Verkehrsknotenpunkten. Unterstützend für den Wechsel vom Pkw aufs Fahrrad könnte noch ein flächendeckendes Tempo 30 in Städten hinzukommen.

Die Autoren der Studie wenden sich auch an Brüssel, denn die EU müsse die CO2-Grenzwerte spürbar verschärfen, um so die Effizienz von Pkw auf indirektem Wege zu steigern. Strengere Grenzen würden den Energieverbrauch konventioneller Fahrzeuge in hohem Maße sinken lassen, da CO2-Ausstoß und Kraftstoffverbrauch in einem direkten Zusammenhang stehen. Gleiches gelte auch für Nutzfahrzeuge, so Michael Müller-Görnert vom VCD. Deren CO2-Emissionen seien derzeit noch völlig ungeregelt.

Das von den Autoren vorgeschlagene Konzept geht über die Verkehrspolitik hinaus. Forderungen für den Verkehr gibt es jedoch schon in großer Zahl. Dazu gehören beispielsweise Ausweitung und Erhöhung der Lkw-Maut und ein Ausbau des Schienennetzes, damit die Gütermengen überhaupt aufgenommen werden können. Hinzu kommt die Besteuerung von Kerosin, die Streichung von Subventionen für Regionalflughäfen und mehr alternative Treibstoffe für begrenzte Segmente wie Flug- und Seeverkehr. Diese sollen aber nur aus Abfällen gewonnen werden und nicht aus eigens dafür angebauten Pflanzen. Letztere haben schließlich schon zu mehr als nur einer Diskussion über deren Nachhaltigkeit geführt.

Ein Umdenken wird auch von den Städteplanern gefordert, denn diese sollen künftig Verkehrswege durch das Konzept der kurzen Wege von vornherein vermeiden. Nach Ansicht der Autoren müsse es Ziel sein, Stadtviertel und Ortschaften zu schaffen, in denen die Menschen wohnen, arbeiten, einkaufen und ihre Freizeit verbringen können. Im besten Fall ganz ohne Auto, so Daniel Rieger vom Nabu.

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