Digitalisierung der Mobilität: Kurs- oder Fahrerwechsel in der Automobilbranche?

Tim Reckmann / pixelio.de

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Die Liste der Automobilhersteller dürfte bald um zwei große IT-Anbieter reicher werden. Nachdem Google seinen Einstieg in die Elektromobilität bereits bekannt gegeben hat, folgt nun auch Apple. Das Projekt trägt den verheißungsvollen Namen Titan und soll auch gleich die Idee des vernetzten Fahrens mit an Bord haben. Ein Schritt, der nicht weiter überraschen dürfte, denn es ist gerade die Kompetenz in Sachen digitaler Vernetzung, mit der sich die Automobilbauer der Zukunft auszuzeichnen beabsichtigen. Das bietet solchen Unternehmen dann auch die Gelegenheit, einen noch größeren Teil der automobilen wie automobilnahen Wertschöpfung in ihre Richtung abzuzweigen.

Steht ein Wechsel bei Führungs- und Fahrerposition bevor?

Angesichts dieser Entwicklung kommt nicht zu Unrecht die Frage auf, ob die Branche vor einem Neustart mit möglichem Fahrerwechsel in zweifacher Hinsicht steht. Zum einen auf dem Fahrersitz des zukünftigen Automobils und zum anderen in den Führungspositionen der Branche. Die Anzeichen mehren sich, die dagegen sprechen, dass der bisherige Erfolg der etablierten Automobilhersteller auch in Zukunft anhalten wird. Deren technische Kompetenz baut nämlich im Wesentlichen auf den thermischen Antrieben von Verbrennungsmotoren auf. Die unternehmerischen Strukturen sind auf Wachstum mit hohen Stückzahlen fokussiert.

Dessen ungeachtet verändern sich die Rahmenbedingungen für Mobilität in hohem Tempo. Das anhaltende Bevölkerungswachstum führt zu einer urbanen Verdichtung. Damit einher gehen stetig anwachsende Raumprobleme und mangelnde Verkehrssicherheit. Auch Emissionen aus dem Verkehrswesen zwingen dazu, neue Konzepte für die Mobilität zu erarbeiten. Das gilt insbesondere für Wachstumsmärkte wie Asien und Lateinamerika.

Neue Mobilität für eine digitale Welt

Damit diese Konzepte funktionieren können, müssen sie auf emissionsarmen Antrieben und der effizienteren Nutzung von Fahrzeugen und Infrastrukturen basieren. Die Kundschaft ist immer weniger auf den mittlerweile vielerorts entbehrlichen Besitz von Autos fixiert. Stattdessen verlagert sich die Erwartungshaltung auf den flexiblen, verlässlichen und gleichzeitig kostengünstigen Zugang zu modernen und effizienten Verkehrssystemen, die es ganz nebenbei noch gestatten sollen, immer online und stets vernetzt zu sein.

Gleichzeitig greift die Digitalisierung des alltäglichen Lebens immer weiter um sich, weit entfernt davon, sich in ihrer Gänze noch irgendwie beherrschen zu lassen. Nahezu jeder ist von ihr betroffen, und nahezu jeden verändert sie. Am Horizont zeichnet sich eine soziotechnische Mischwelt ab, die aus Netzen, Software, Hardware, menschlichen Lebensweisen und Lebensstilen besteht. Eine Welt, die sich davon unbeeindruckt zeigt, ob sie uns gefällt oder nicht. Auch die Mobilitätswirtschaft wird davon betroffen und folglich einer Revolutionierung unterworfen sein.

Die Entwicklung ist bereits in vollem Gange: Die Gründerszene der digitalen Share Economy entwickelt mit rasantem Tempo Netze, Foren und Applikationen für eine optimierte Wegeplanung, für die Optimierung von Verkehrsflüssen und der Parkplatzsuche. Hinzu kommen Carsharing, Ridesharing und Bikesharing. Auf diese Weise entstehen zusehends digitale Marktplätze, die eine vernetzte wie verkehrsträgerübergreifende Mobilität bieten. Nun muss die Automobilbranche auf der digitalen Welle reiten lernen und die Technologie klug zu nutzen wissen.

Wie sich IT-Branche und Autobauer einmal einigen werden, ist derzeit noch schwer abzusehen. Die Wahl besteht zwischen auf Kooperation und Konkurrenz aufbauenden Strategien. Betrachtet man die aktuelle Lage, kann von zwei Thesen ausgegangen werden. Zum einen macht die Entwicklung, wie sie sich im Moment abzeichnet, eher eine Kooperation als eine Konkurrenz erforderlich. Schließlich sind die Herausforderungen, vor denen die Teilnehmer stehen, beachtlich und können in ökologischer, ökonomischer und sozialer Hinsicht nur durch gemeinsame Anstrengungen gelöst werden. Die Konkurrenz, wie sie aktuell auf den Verkehrsmärkten herrscht, wäre da eher hinderlich.

Zum anderen sitzt die IT-Branche am längeren Hebel, da ihre Produkte derzeit sehr erfolgreich sind und deren Kundschaft eine zunehmend vernetzte Lebenswelt erwartet. Hier wären die traditionellen Autobauer gut damit beraten, eher die Kooperation als die Konkurrenz zu suchen, da letztere in einen aussichtslosen Wettbewerb führen könnte.

Die bevorstehenden Autoprojekte können als Signal an die Automobilindustrie gewertet werden, mit dem beide Unternehmen sagen wollten, dass sie jederzeit und sehr schnell in die Produktion elektromobiler und vernetzter Fahrzeugflotten einsteigen können. Diese Unternehmen haben das nötige Kapital und die Organisationskultur, die es bräuchte, um erfolgreiche mehrere Herausforderungen zugleich angehen zu können. Zudem könnten sie sich sowohl die Technologie als auch die kreative Kompetenz beschaffen. Und zuletzt käme dann noch das Argument, dass sämtliche der zu erwartenden Nachfragetrends ihnen sowieso in die Hände spielen. Gleiches gilt übrigens auch für die Bereiche Energie, Gesundheit und Wohnen.

Vier Szenarien in der Automobilbranche

Die Entwicklungen mögen heute noch größtenteils unübersichtlich sein und mit hoher Geschwindigkeit verlaufen, weswegen Prognosen noch nicht allzu hoch gewertet werden sollten. Dennoch lassen sich die Spekulationen über eine zukünftige Entwicklung noch weiter treiben. Dabei sind folgende vier Szenarien denkbar:

1. Google und Apple beschließen, selber Autos zu bauen. Mit der Google-Car und dem Apple-Titan wird der erste Schritt zur Verknüpfung von Elektromobilität mit vernetztem und automatisiertem Fahren unternommen. Das wiederum zeichnet sich durch ökologische Verträglichkeit und eine hohe Effizienz aus. In der klassischen Domäne der Autobauer hingegen vermindert sich der Anteil der Wertschöpfung, da ein immer größer werdender Teil davon in Elektronik und digitale Vernetzungstechnologien gesteckt wird. Google und Apple nutzen die Chance, selber zum Automobilhersteller zu werden.

2. Die beiden IT-Unternehmen starten provokante Tests, um die traditionellen Hersteller zu verunsichern. Auf diesem Wege versuchen sie, die Großen unter ihnen zu einer Zusammenarbeit zu bewegen und dabei günstige Bedingungen für sich selber herauszuholen. Dazu könnte beispielsweise die Hoheit über die Fahrerdaten zählen. Denkbar wäre auch eine Kooperation mit dem amerikanischen Hersteller Tesla, denn hier bestünde bereits eine gewisse Imageverwandtschaft.

3. Beide Hersteller zielen auf die Systemführerschaft bei vernetzten Automobilen ab und nicht auf einen Markteintritt als OEM. In diesem Fall würden Google und Apple also nicht mit eigenen Fahrzeugen am Markt auftreten, sondern die Kooperation mit allen Autobauern suchen. Ziel wäre es in dem Fall, Zugang zu sämtlichen abschöpfbaren Daten zu erlangen, diese auszuwerten und dann mit anderen Daten zu kombinieren und neu zu vermarkten. Die Tests dienen dem Zweck, Bewegung in die Szene zu bringen und um sich selbst eine gute Starposition im Rahmen der Neusortierung zu sichern – auch gegenüber anderen großen IT-Unternehmen.

4. Die IT-Unternehmen beabsichtigen, in den gesamten Markt der vernetzten und verkehrsträgerübergreifenden Mobilität einzusteigen. Die Digitalisierung von Fahrzeugen wird als konsequenter Schritt in diese Richtung betrachtet. Bei diesem Szenario ist die Menge der Daten, die durch die Unternehmen erfasst werden könnten, am größten. Denn theoretisch hätten die Unternehmen Zugriff auf alle Daten der Menschen, die sich im urbanen Raum mit der Hilfe von digitalen Schnittstellen bewegen. Der idealtypische Fall bestünde darin, alle Verkehrswege zu erfassen und die daraus resultierenden Daten wirtschaftlich zu nutzen. In dem Zusammenhang könnten auch Schnittstellen mit dem Güterverkehr von großem Interesse für die Unternehmen sein.

Welchen Preis zahlen eigentlich die Nutzer?

Das letzte Szenario zeigt deutlich, dass die Digitalisierung sich nicht allein auf die Automobilindustrie beschränkt, sonder die ganze Mobilitätswirtschaft zu erfassen imstande ist. Denn auch die Betreiber von kollektiven Verkehrssystemen stehen vor den gleichen Fragen wie die Automobilhersteller. IT-Firmen haben schon heute einen sehr guten Zugang zu Daten, die Kunden, Wegemuster und Verkehrssituationen beschreiben. Diese Daten könnten sich als ideale Grundlage für Entwicklung und Planung neuer Mobilitätsdienste erweisen.

Das Szenario wäre für manche zumindest aus ökologischer Sicht das wünschenswerteste, da es die Dominanz des Autos in der künftigen urbanen Logistik reduzieren könnte und zu einer Neudefinition individueller Beweglichkeit führen würde. Im Moment ist jedoch das dritte Szenario am wahrscheinlichsten, denn es schließt an die etablierte Autokultur an, wovon sich die IT-Branche kurzfristig größere Margen versprechen könnte. Welches der Szenarios es auch sein wird, ein Fahrerwechsel in der Mobilitätswirtschaft zeichnet sich dennoch ab. Kritische Stimmen raten der Automobilbranche bereits jetzt, sich alsbald zu digitalisieren, da sie sonst vom Markt verschwinden könnten.

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